In der aktuellen Untersuchung der Technische Universität München TUM, welche für die Internet-nutzende Bevölkerung in Deutschland repräsentativ ist, wird für mehr als drei Viertel der Befragten (75,8%) eine niedrige Gesundheitskompetenz ermittelt. Gerade in einer Zeit mit automatisierten Chatbots mit gezielten Fehlinformationen und Fake News sollten sich die Menschen nicht nur „schon irgendwie“ im Informationsdschungel zurechtfinden und gute Entscheidungen treffen können.
Gesundheitskompetenz umfasst die Motivation, das Wissen und die Kompetenzen, die herangezogen werden, um gesundheitsrelevante Informationen zu finden, verstehen, beurteilen und anzuwenden, um im Alltag Gesundheitsentscheidungen treffen zu können (Sørensen et al. 2012). Heutzutage stellt die Gesundheitskompetenz eine zentrale Ressource dar, die Menschen benötigen, um
• das Dickicht an gesundheitsrelevanten Informationen zu durchschauen, auf die sie im alltäglichen Leben treffen (hierunter auch unvollständige, irreführende und faktisch falsche Aussagen),
• trotz widersprüchlicher oder uneindeutiger Informationen kompetent mit Gesundheitsthemen umzugehen,
• die verschiedenen Anlaufstellen des Gesundheitssystems bei Bedarf möglichst effizient und zufriedenstellend nutzen zu können und
• aktiv an der Wiederherstellung, Bewahrung und Förderung der eigenen Gesundheit mitzuwirken.
Für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung ist der Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen nicht immer leicht – zuletzt erreichten knapp zwei Drittel der Befragten (64,2%) eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz (Hurrelmann et al. 2020). Diesen Menschen fällt es nicht immer leicht, Informationen für die Wiederherstellung, Bewahrung und Förderung ihrer Gesundheit zu nutzen und informierte Entscheidungen über die eigene Gesundheit zu treffen.
Gegenüber vorigen Studien stellt dies eine nochmalige Verschlechterung dar. Finden, Verstehen, Beurteilen und Anwenden wird am schwierigsten beschrieben.
Gleichzeitig werden die meisten Schwierigkeiten im Umgang mit Informationen berichtet, welche den Bereich der Krankheitsbewältigung/-versorgung betreffen (gegenüber den Bereichen der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung). Dies stellt eine Verschiebung im Vergleich zu den Ergebnissen aus 2020 und 2016 dar, wo die höchste empfundene Schwierigkeit im Bereich der Gesundheitsförderung lag. Als Gruppen mit erhöhtem Risiko für eine niedrige Gesundheitskompetenz können im Rahmen dieser Studie jüngere Menschen identifiziert werden sowie Menschen, welche in den „alten“ Bundesländern wohnen.
Wie in den vorigen Studien hängt Gesundheitskompetenz auch hier signifikant mit dem selbstberichteten allgemeinen Gesundheitszustand zusammen. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass Gesundheitskompetenz auch für das mentale Wohlbefinden eine signifikante Rolle spielt: Befragte mit schlechtem mentalem Wohlbefinden beschreiben den Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen als schwieriger, was auch für Menschen gilt, welche ihren allgemeinen Gesundheitszustand als schlechter empfinden.
Selbst unter Berücksichtigung einer Reihe von soziodemografischen Kontrollvariablen, trägt die Gesundheitskompetenz unabhängig dazu bei, Unterschiede im physischen und mentalen Gesundheitszustand zu erklären.
Inzwischen gibt es im internationalen Raum empirische Hinweise darauf, dass eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz mit einer Reihe negativer gesundheitlicher Folgen und ungünstiger Verhaltensweisen einhergeht, hierunter:
• Schlechterer subjektiver Gesundheitsstatus, geringere Lebensqualität, mehr Einschränkungen durch Gesundheitsprobleme (Ehmann et al. 2020; Guo et al. 2020; Paakkari et al. 2020; Schaeffer et al. 2021b; Svendsen et al. 2020; The HLS?? Consortium of the WHO Action Network M-Pohl 2021; Wångdahl et al. 2018; N'Goran et al. 2018)
• Eingeschränkteres Ausmaß körperlicher Betätigung, häufigeres Übergewicht (Fischer et al. 2022; Schaeffer et al. 2021b; Svendsen et al. 2020; The HLS?? Consortium of the WHO Action Network M-Pohl 2021)
• Häufigere krankheitsbedingte Fehltage, Klinikaufnahmen, Medikamenteneinnahme, Nutzung von Gesundheitsdiensten sowie ungünstigeres Ernährungsverhalten (Berens et al. 2018; Schaeffer et al. 2021b; The HLS?? Consortium of the WHO Action Network M-Pohl 2021; Vandenbosch et al. 2016)
Idealerweise ist es für die Allgemeinbevölkerung einfach, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, verstehen, beurteilen und anzuwenden, sodass sie bestmöglich an der Wiederherstellung, Bewahrung und Förderung der eigenen Gesundheit teilhaben können. Die aktuellen Daten zeigen hierzu jedoch eine deutliche Diskrepanz auf. Dementsprechend scheinen Maßnahmen sinnvoll, die einerseits an der Angebotsseite ansetzen und gesundheitsrelevante Information einfacher nutzbar machen, die aber anderseits auch Menschen dazu befähigen, gesundheitsrelevante Informationen einfacher finden, verstehen, beurteilen und anwenden zu können.
Quelle
Gesundheitskompetenz in Deutschland: Ergebnisbericht 2024
Kolpatzik, K., Bollweg, T., Fretian, A., Okan, O. (2025). Gesundheitskompetenz in Deutschland 2024. Ergebnisbericht. Technische Universität München. School of Medicine and Health. Department of Health and Sport Sciences. WHO Collaborating Center for Health Literacy. München. DOI: https://doi.org/10.14459/2025md1772956.
Abbildung: Fragen im Bereich Verstehen von Informationen
Autor: Wolf-Dietrich Lorenz Bild: WACHI