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Krankenhaus-KI Team zusammen mit der Ambulante Geriatrische Rehabilita- Vorteil, berichtet Prof. Jungeblut: „Die langfristige Messung
der Aktivität kann auch die Früherkennung und Diagnose
tion Bielefeld GmbH den Einsatz von Smart-Home-Sensorik
im Rahmen der Rehabilitation zu Hause. Außerdem gibt es von neurologischen Erkrankungen wie Demenz erleichtern.“
in den Räumlichkeiten der PVM GmbH in Brackwede eine Eine weitere Krankheit, auf die eine Änderung der Aktivität
Ausstellung verschiedener, im KogniHome eingesetzter Sen- in der Wohnung hindeuten könnte, ist Depression. Oder das
sortechnologien, die jeder anschauen und ausprobieren kann. System stellt fest, dass der Wasserverbrauch in der Toilette
Doktorand Baudisch und sein Professor haben außerdem eine kontinuierlich gesunken ist: ein Indiz dafür, dass eine schlei-
Schnittstelle zu einer Pflegemenagement-Software gebaut und chende Dehydrierung der hilfebedürftigen Person im Gange
steigen hier ebenfalls in Tests ein. ist – eine gefährliche Entwicklung, die typisch ist insbesondere
für hochbetagte Menschen.
Daten werden homomorph verschlüsselt, Selbstbestimmtes Leben zu Hause auch im hohem Alter ist
und dann startet das Training der KI bei ein wichtiges Ziel des Gesundheitswesens, findet Prof. Junge-
yourAI in der HSBI blut, und so bilden die sogenannte „Überalterung“ der Gesell-
Doch braucht das System tatsächlich so viele Daten und schaft bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel im Pflegebereich
warum registriert es selbst, ob der Küchenschrank gerade geöff- und inhaltlich wie zeitlich oft überforderten Angehörigen den
net wurde und ob die Kaffeemaschine läuft? „Ganz einfach“, Hintergrund seiner Arbeit und der seines Doktoranden. Im
erläutert Justin Baudisch, „nur so kriegen wir raus, welche Ver- KogniHome finden sie dafür ideale Voraussetzungen vor. Die
haltensmuster normal und damit unkritisch sind und welche Forschungswohnung in Bethel, dem Stadtteil des Bielefelder
eine Abweichung bedeuten, die womöglich auf ein Problem Bezirks Gadderbaum, war 2014 als gemeinsames Projekt von
hindeuten.“ Damit das zuverlässig klappt, muss die Software 14 Partnern entstanden. Acht Millionen Euro ließ es sich das
allerdings viel lernen und Schritt für Schritt klüger werden. Bundesministerium für Bildung und Forschung kosten, um
Hier kommt KI ins Spiel: Die Daten aus der vernetzten Woh- eine zukunftsträchtige Musterwohnung entstehen zu lassen,
nung werden, wie erwähnt, zunächst homomorph verschlüsselt die selbstbestimmtes Wohnen von Menschen mit Beeinträch-
und dann in die HSBI übertragen. Dort gibt es ein Rechner- tigungen mithilfe technischer Assistenzsysteme ermöglichen
netzwerk namens yourAI mit der Kapazität, große Datenmen- sollte. Mittlerweile wird das durch und durch vernetzte und
gen zu verarbeiten und KIs zu trainieren. mit allerlei technischen Finessen ausgestattete Appartement
Das Training läuft so ab: Basierend auf aufeinanderfol- – darunter neuerdings eine innovative Eingangstür, die von
genden Ereignissen werden die Aktivitäten in der Wohnung Rettungskräften mit einem von SHARLY gesendeten QR-
erfasst und Handlungssequenzen gebildet. Diese finden in Codes geöffnet werden kann – von einem Verein betrieben, in
einer Graphstruktur Abbildung. Nach einer gewissen Zeit, in dem die wesentlichen Köpfe aus Gesundheit, Wirtschaft und
der immer wieder neue Sequenzen abgebildet wurden, kön- Hochschulen Mitglied sind.
nen Abweichungen in der Struktur – also bisher unbekannte Insbesondere Letztere haben sich einiges vorgenommen:
Sequenzen oder leichte Abweichungen von bekannten Sequen- Um die Datenschutzherausforderungen beispielsweise künftig
zen – als Anomalien erkannt werden. Baudisch: „Bei Abwei- noch besser in den Griff zu bekommen und an dieser Stelle
chungen vom gewohnten, in der Vergangenheit gelernten robust aufgestellt zu sein, möchte HSBI-Professor Jungeblut
Verhalten – wir sprechen von Anomalie – werden pflegende mittelfristig erreichen, dass die Daten nicht nur vor Ort gesam-
Angehörige, das Pflegepersonal oder auch ein Rettungsdienst melt und dann anonymisiert weitergegeben werden, sondern
informiert, um, wenn nötig, entsprechende Interventionen dass auch die KI-Verarbeitung selbst lokal stattfindet. Diese
einzuleiten.“ Bei einer noch nicht hinreichend trainierten sensornahe KI-basierte Vorverarbeitung in der Wohnung
KI wäre falscher Alarm ziemlich wahrscheinlich. Zurzeit ist kann aber aufgrund begrenzter Rechenkapazitäten zusätzliche
das Team deshalb unter anderem dabei, der KI den richtigen Schritte erforderlich machen. Ein sogenanntes Co-Design der
Umgang mit Trends beizubringen. Dabei geht es zum Beispiel Hardware vor Ort und der KI müsste erfolgen. Jungeblut: „Das
und um die Berücksichtigung von Saisonalitäten wie Wochen- versuchen wir gerade zu erreichen, indem wir zunächst Ver-
enden und Jahreszeiten. fahren zur Reduktion der Modellkomplexität beispielsweise
durch Quantisierung Approximation anwenden, also eine Ver-
Arbeit im Kontext von demografischem einfachung, durch die sich der Rechenbedarf reduzieren lässt,
Wandel und Arbeitskräftemangel im Pflege- ohne dass die Genauigkeit des KI-Modells darunter leidet.“ Es
bereich bleibt also spannend im KogniHome, „Big Brother“ allerdings
Viele Daten zu sammeln, zu analysieren und mittels KI zu bleibt in dieser Wohnung diskret und ist auch künftig auf die
klassifizieren, steigert also die Zuverlässigkeit des Systems. Wahrung der Privatsphäre bedacht.
Große Datenmengen bringen aber noch einen weiteren
Krankenhaus-KI Journal 1 /2025
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