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Doktorand Justin Baudisch (l.) und Prof. Dr. Thorsten Jungeblut
von der HSBI forschen gemeinsam in der Forschungswohnung
KogniHome im Bielefelder Stadtteil Bethel. ©H. Hilpmann/HSBI
Ort gesammelt und analysiert werden. Solche Sensoren haben
keinen oder nur sehr begrenzten Personenbezug.“ Wenn dann
doch mal Daten die geschützte Umgebung verlassen sollen
– zum Beispiel, um die Wissenschaft weiterzubringen –, dann
werden diese homomorph verschlüsselt, versichert Baudisch.
„Das ist ein innovatives Verfahren, bei dem die individuelle
inhaltliche Substanz der Daten erhalten bleibt, eine Zuordnung
zu konkreten Personen aber unmöglich ist.“
Günstige Minimalsensorik steigert die Reali-
sierungswahrscheinlichkeit des Systems
SHARLY ist eine leistungsfähige Softwareumgebung, die Jun-
geblut und Baudisch zurzeit Schritt für Schritt optimieren. Auf
einem Monitor im KogniHome macht das System schematisch
und auf sehr diskrete Art und Weise sichtbar, was gerade in der
Wohnung passiert. Eine Versuchsperson legt sich testweise auf
den Badezimmerboden – zwei blaue Vierecke erscheinen auf
dem Bildschirm und zeigen den Ort des simulierten Sturzes
an. Das Badezimmerfenster ist offen – auch das visualisiert der
Innovationen für ambulante Pflege: HSBI-Forscher Monitor. Sollte sich an diesem Setting für eine gewisse Zeit
rüsten Bielefelder KogniHome mit Sensorik und KI auf Privatsphäre bleibt gewahrt, dennoch wird nichts ändern, könnte das System Alarm schlagen, um Ret-
sichtbar, wie es jemandem geht – gut, mittel
tungskräfte herbeizurufen.
oder schlecht SHARLYs Datensammelleidenschaft kann freilich nicht
Der Professor für das Lehrgebiet Industrial Internet of Things nur im Notfall helfen: Das System speichert und bewertet eine
an der Hochschule Bielefeld (HSBI) träumt davon, Angehö- Unmenge von Sensordaten und erstellt so über eine gewisse Zeit
rigen und Pflegediensten schon bald die Möglichkeit zu eröff- ein Gesamtbild von typischen, normalen Zeitabläufen. Sobald
nen, durch intelligent ausgewertete Daten von Ferne stets auf es zu Abweichungen von der Norm kommt, kann es wertvolle
dem Laufenden zu sein, ob es einer von ihnen betreuten Person, Hinweise geben, denen Pflegende nachgehen können. Analy-
gut geht oder ob Handlungsbedarf besteht. „Stellen Sie sich siert werden die Daten von Sensoren in Bewegungsmeldern,
vor, es gibt irgendwann einfach eine App, mit der Sie zum Bei- Lichtschaltern, Türen, Klappen und Fenstern, aber auch die-
spiel über ein simples Ampelsystem erfahren, ob alles okay ist jenigen in intelligent vernetzten Haushaltsgeräten wie Kaffee-
bei Ihren hochbetagten Eltern oder ob mittelfristig oder sofort maschinen, Staubsaugrobotern oder Waagen. Außerdem ver-
Handlungsbedarf besteht“, skizziert Jungeblut die Perspektive arbeitet SHARLY alles, was Smartmeter monitoren: Heizung,
seiner Arbeit. „Das wäre doch praktisch!“ Strom, Wasser.
Zum kritischen Punkt „Big Brother“ haben der Professor „Ein Vorteil unseres Ansatzes besteht darin, dass Mini-
und sein Doktorand Justin Baudisch auch gleich einige Lösun- malsensoren heute schon Standard sind für viele Gebäudeein-
gen parat: „Bei einem einfachen Bewertungssystem mit den richter, Bad- und Küchenhersteller“, so Jungeblut. „Das heißt
Unterteilungen gut, mittel, schlecht bleibt die Privatsphäre die Technologie ist relativ kostengünstig und so besteht eine
weitgehend gewahrt“, erläutert Baudisch. „Wir arbeiten ja gute Chance, dass unser System mittelfristig, zum Beispiel in
nicht mit Kameras, sondern mit Sensoren, deren Daten vor der ambulanten Pflege, eingesetzt wird.“ Schon heute plant das
Krankenhaus-KI Journal 1 /2025
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