Page 11 - Netzwerk_aktiv
P. 11

Doktorand Justin Baudisch (l.) und Prof. Dr. Thorsten Jungeblut
                                           von der HSBI forschen gemeinsam in der Forschungswohnung
                                           KogniHome im Bielefelder Stadtteil Bethel. ©H. Hilpmann/HSBI















                                                                Ort gesammelt und analysiert werden. Solche Sensoren haben
                                                                keinen oder nur sehr begrenzten Personenbezug.“ Wenn dann
                                                                doch mal Daten die geschützte Umgebung verlassen sollen
                                                               – zum Beispiel, um die Wissenschaft weiterzubringen –, dann
                                                               werden diese homomorph verschlüsselt, versichert Baudisch.
                                                               „Das ist ein innovatives Verfahren, bei dem die individuelle
                                                                inhaltliche Substanz der Daten erhalten bleibt, eine Zuordnung
                                                                zu konkreten Personen aber unmöglich ist.“

                                                                Günstige Minimalsensorik steigert die Reali-
                                                                sierungswahrscheinlichkeit des Systems

                                                                SHARLY ist eine leistungsfähige Softwareumgebung, die Jun-
                                                                geblut und Baudisch zurzeit Schritt für Schritt optimieren. Auf
                                                                einem Monitor im KogniHome macht das System schematisch
                                                                und auf sehr diskrete Art und Weise sichtbar, was gerade in der
                                                               Wohnung passiert. Eine Versuchsperson legt sich testweise auf
                                                                den Badezimmerboden – zwei blaue Vierecke erscheinen auf
                                                                dem Bildschirm und zeigen den Ort des simulierten Sturzes
                                                                an. Das Badezimmerfenster ist offen – auch das visualisiert der
 Innovationen für ambulante Pflege: HSBI-Forscher              Monitor. Sollte sich an diesem Setting für eine gewisse Zeit

 rüsten Bielefelder KogniHome mit Sensorik und KI auf  Privatsphäre bleibt gewahrt, dennoch wird   nichts ändern, könnte das System Alarm schlagen, um Ret-
               sichtbar, wie es jemandem geht – gut, mittel
                                                                tungskräfte herbeizurufen.
               oder schlecht                                      SHARLYs Datensammelleidenschaft kann  freilich  nicht
               Der Professor für das Lehrgebiet Industrial Internet of Things   nur im Notfall helfen: Das System speichert und bewertet eine
               an der Hochschule Bielefeld (HSBI) träumt davon, Angehö-  Unmenge von Sensordaten und erstellt so über eine gewisse Zeit
               rigen und Pflegediensten schon bald die Möglichkeit zu eröff-  ein Gesamtbild von typischen, normalen Zeitabläufen. Sobald
               nen, durch intelligent ausgewertete Daten von Ferne stets auf   es zu Abweichungen von der Norm kommt, kann es wertvolle
               dem Laufenden zu sein, ob es einer von ihnen betreuten Person,   Hinweise geben, denen Pflegende nachgehen können. Analy-
               gut geht oder ob Handlungsbedarf besteht. „Stellen Sie sich   siert werden die Daten von Sensoren in Bewegungsmeldern,
               vor, es gibt irgendwann einfach eine App, mit der Sie zum Bei-  Lichtschaltern, Türen, Klappen und Fenstern, aber auch die-
               spiel über ein simples Ampelsystem erfahren, ob alles okay ist   jenigen in intelligent vernetzten Haushaltsgeräten wie Kaffee-
               bei Ihren hochbetagten Eltern oder ob mittelfristig oder sofort   maschinen, Staubsaugrobotern oder Waagen. Außerdem ver-
               Handlungsbedarf besteht“, skizziert Jungeblut die Perspektive   arbeitet SHARLY alles, was Smartmeter monitoren: Heizung,
               seiner Arbeit. „Das wäre doch praktisch!“        Strom, Wasser.
                  Zum kritischen Punkt „Big Brother“ haben der Professor   „Ein Vorteil unseres Ansatzes besteht darin, dass Mini-
               und sein Doktorand Justin Baudisch auch gleich einige Lösun-  malsensoren heute schon Standard sind für viele Gebäudeein-
               gen parat: „Bei einem einfachen Bewertungssystem mit den   richter, Bad- und Küchenhersteller“, so Jungeblut. „Das heißt
               Unterteilungen gut, mittel, schlecht bleibt die Privatsphäre   die Technologie ist relativ kostengünstig und so besteht eine
               weitgehend gewahrt“, erläutert Baudisch. „Wir arbeiten ja   gute Chance, dass unser System mittelfristig, zum Beispiel in
               nicht mit Kameras, sondern mit Sensoren, deren Daten vor   der ambulanten Pflege, eingesetzt wird.“ Schon heute plant das


               Krankenhaus-KI Journal 1 /2025
                                                                                                                77
   6   7   8   9   10   11   12   13   14   15   16