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Digitale regionale Gesundheitsversorgung
der Zukunft – die Weichen stehen falsch
Bessere Arbeitsbedingungen, Vernetzung und eine ganzheitliche Kultur für Patientenori-
entierung gehen mit praktikablen Rahmenbedingungen und passenden Strukturen einher
mit digitaler Innovation. Dies alles kann die vielzitierte Transformation auch in der Region
beschleunigen. Allerdings startet „Digitalisierung“ bereits mit Defiziten. Von Michael Thoss,
Leiter IT am Klinikum Hochrhein, Mitglied im Programmrat Health-IT Talk Berlin-Brandenburg,
Autor und Berater
Rahmenbedingungen Gremien zu nennen: Im Gesundheits- Strukturen
Warum gestalten sich „IT-Projekte“ im wesen sind die Krankenhäuser vermeint- Als wären die Rahmenbedingungen der
deutschen Gesundheitswesen so kom- lich teuer. Ursache ist aber nicht die Ver- Politik (und Interessenvertretungen)
pliziert? Auf diese einfache Frage sind sorgungsleistung am Patienten – dazu nicht schon schwierig genug, ignorieren
diverse Antworten möglich und alle kommt kaum noch jemand - sondern die sie zudem Entwicklungen am Markt.
richtig. Zum einen ist die Sektorentren- mittlerweile überproportional kosten- Tatsache ist, dass immer weniger Ärzte
nung im deutschen Gesundheitswesen intensiven Rahmenbedingungen, gerne Interesse an der Versorgung ländlicher
nicht mehr zeitgemäß, wird aber durch kurz zusammengefasst unter „Bürokra- Regionen oder gar selbständiger Tätig-
die Vergangenheit – die teils bis zu tie“. Neben sinnvollen Ansätzen wie z.B. keit haben. Letzteres wird im Wesent-
Otto von Bismarck (15.06.1883, Gesetz dem Arbeits- und Brandschutz gibt es lich wieder stimuliert durch die stetig
betreffend der Krankenversicherung der wenig sinnvolle Ansätze wie z.B. im Lie- weiter ausufernde Bürokratie. Dummer-
Arbeiter) zurückreicht – immer noch ferkettengesetz (Umsetzbarkeit?), der weise wurde der seinerzeit gute Ansatz
erstaunlich erfolgreich geschützt. Zum Nachhaltigkeitsgesetzgebung und vielen von Ulla Schmidt (erinnere: Anfang
anderen ist der Föderalismus in diversen Beispielen mehr. Natürlich ist Nachhal- der 2000er Jahre) zum Medizinischen
Bereichen nicht hilfreich, da er Insel- tigkeit grundsätzlich gut, trotzdem sie Versorgungszentrum zur Überwindung
entwicklungen unterstützt und ebenfalls im Widerspruch zu staatlich gewünsch- der Sektorengrenze zwischen ambu-
beschützt. Man nehme nur das aktuelle ten steigenden Steuereinnahmen steht. lanter und stationärer Versorgung ein
MEDI:CUS-Projekt in Baden-Württem- Wenn mich jedoch gleichzeitig die Hygi- Opfer von Einzelinteressen und erfolg-
berg als eines von vielen Beispielen für ene zum Einsatz von Einmalartikeln reicher Lobbyarbeit. In der Folge lassen
zweifelhafte Ziele. Auch die vielen Lob- zwingt, wird es „schwierig“. Grundsätz- sich viele Mediziner lieber anstellen, als
byisten, Entschuldigung, Interessenver- lich zusammenfassen lassen sich diese selbständig niedergelassen zu arbeiten.
tretungen, Verbände und Vereinigungen und weitere Punkte unter dem Titel der Der Bürokratie entgehen sie auf diesem
tragen dazu bei, dass nicht ein patienten- fehlenden ganzheitlichen Betrachtung. Wege allerdings nicht. Vor allem bei der
zentriertes Versorgungsdenken sondern Das ist so ähnlich, wie Plastikstroh- Versorgung ländlicher Regionen ist die
Michael Thoss, Leiter IT am
Klinikum Hochrhein, Mitglied individuelles Konkurrenzdenken im halme und Besteck zu verbieten und fehlende ganzheitliche Aufmerksamkeit
im Programmrat des Health-IT Talk Vordergrund steht. Dann wäre noch die dann Bambus-Besteck in Plastikfolie der Politik inzwischen das wesentliche
Berlin-Brandenburg, fehlende gesamtheitliche Betrachtung einzuschweißen. Problem. Im Gegensatz zu Ballungszen-
Autor und Berater durch die verschiedenen politischen tren ist dort das Zusammenspiel von
Krankenhaus-IT Journal 1 /2025
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